Im falschen Film

Im heutigen Beitrag der heise-Redaktion zum Thema Netzsperren unter Juristen melden schwere Bedenken gegen Web-Sperren an verfasste die Nutzerin Fuchshexe einen bemerkenswerten Kommentar im Forum, den ich hiermit mir freudlicher Genehmigung der Autorin einmal vollumfänglich zitieren möchte:

Ich bin nicht nur als FKKlerkind aufgewachsen, sondern gehöre noch
der Generation an, die die 70er/80er-Jahre-Protestwellen, u.a. gegen
die Volkszählung prägend miterlebt haben. Es gab Zeiten da amüsierte
ich mich noch leicht schockiert und ziemlich echauffiert über
US-amerikanische Gerichtsurteile, die kleine Buben verdonnerten, weil
die ihren kleinen Schwesterchen auf den Pott halfen, oder 18jährige
der Vergewaltigung bezichtigten, weil die Freundin jünger war. In
meiner Generation verlor die gesamte Klassenstufe die
Jungfräulichkeit mit 14-15 Jahren, mit Ausreissern eher nach unten,
als nach oben, und keiner dachte sich was Besonderes dabei. Man
kannte alle möglichen Verhüterli, und der Oberstufenfreund war
speziell hierfür Ziel der Unternehmungen. Von mir und Freunden aus
dem FKK-Verein gibt es tausende Photos im Evas- und Adamskostüm, auch
spielend miteinander, auch knutschend und auch zusammen mit
Erwachsenen. Wir diskutierten viel über alternative Lebensweisen,
aber auch andersartige Sexualität, ob nun schwul, lesbisch, bi oder
auch BDSM und gehörten zu jenen, die daran arbeiteten, daß diese
Formen von Sexualität auch gesellschaftliche Akzeptanz erfuhren. Ich
war selten stolz auf Deutschland, aber als die Homoehe Gesetz wurde,
da war ich es.

Heute komme ich mir vor, als wäre ich eines abends eingeschlafen und
wäre am nächsten Morgen im falschen Film, in einem parallelen
Universum aufgewacht. Ich bin fassungslos. Je länger und je
eindeutiger die Gesetzeseingaben, aber auch die gesellschaftliche
Zwangsreaktionärisierung voranschreitet, desto irrer wird dieses
Gefühl in meinem Hinterkopf. Dieses “das kann doch garnicht wahr
sein!”-Gefühl, das Gefühl als hätte irgendwer einen Rollbackknopf
gedrückt und Sitten und Moral der 60er würden neuaufgelegt. Ich war
nie großer Fan des deutschen Staats, aber heute leide ich an echten,
körperlichen Gefühlen von Brechreiz und Ekel, wann immer ich genauer
hinsehe. Ich muß zwanghaft wegzappen, wann immer bestimmte Politiker
auf dem Bildschirm auftauchen, ich kanns mir nicht anhören und all
die Blockwart- und Kontrollbuhlerei-Sendungen im Fernsehen
schockieren mich maßlos. Hätte mir jemand so ca. 1976-1977 gesagt,
daß irgendwann Müllpolizeitruppen oder Hundekackepolitessen im TV als
leuchtende Darstellung staatlichen Wohltuns an der Bevölkerung
gebracht würden oder meine Photos vom FKK-Urlaub per definitionem
Kinderporno seien, ebenso wie Zeichnungen à là Beardsley oder
Reiser-Comics, ich wäre in absolut ungläubiges, schallendes Gelächter
ausgebrochen.

Pädophile sind ebensowenig “heilbar” wie Schwule, Lesben oder SMer.
Kriminelle sind sie eigentlich erst dann, wenn sie sich ausleben. Die
überragende Mehrheit hat sich bisher eben nicht ausgelebt,
stattdessen das gesellschaftliche Tabu akzeptiert und sich mittels
W***svorlagen befriedigt. Heute werden sie bereits dadurch
kriminalisiert, und zwar auch dann, wenn diese Vorlagen virtuell oder
gezeichnet sind. Gerade die Virtualität hätte diesen Menschen
ermöglicht, mit sich halbwegs zurande zu kommen, ohne irgendwem zu
schaden. Umso wahnwitziger, was hier gerade abläuft. Nicht nur, daß
alles was sich meine Generation und die meiner Eltern an Freiheit
gesellschaftlich mühsam erarbeitet hat quasi mit einem Achselzucken
der Befriedigung innerhalb weniger Jahre zunichte gemacht wird, nein,
es wird auch noch dafür gesorgt, daß alles noch schlimmer als zuvor
wird. Ich jedenfalls hatte früher keine Angst davor, daß meine
privaten Diskussionen, meine Telefonate oder Briefe gesichtet werden,
ich hatte nie Bedenken, mich politisch für das zu engagieren, was mir
sinnvoll und notwendig erschien. Ich war immer sicher, daß ich mir
von allem erst selbst ein Bild würde machen könne, bevor ich meine
Meinung dazu habe. Heute ist das plötzlich ganz anders.

Im falschen Film aufgewacht, im falschen Film…

Der hier betrachtet Standpunkt ist für mich auch neu. Ich habe mir vorher nie wirklich über das Thema Kinderpornographie selbst Gedanken gemacht. Aber je länger man drüber nachdenkt, je mehr Gefahren sehe ich hier. Ich verabscheue selbstverständlich die Gewalt an Kindern, die eine sexuelle Handlung an einem Kind immer darstellt. Aber der Ansatz ist fragwürdig. Mit der völlig richtigen Ächtung der von Frau v.d.L. stets angeprangerten Gewalt an kleinen Kindern (Babies, Kleinkinder, Grundschüler … eben alles vor der Adoleszentz) einher geht aber eine fortschreitende Kriminalisierung und Ächtung von Material, das ein laterales Betrachten erfordert, verlangt, die Bilder im Zusammenhang ihrer Entstehung zu sehen. Ein Foto einer nakten 15 -Jährigen kann kinderpornographisch sein, ohne Zweifel, aber sehr viel wahrscheinlicher ist es eher eine Momentaufnahme einer Situation, in der gar nicht an die Zweckentfremdung gedacht wurde. Ich selbst erinnere mich an Strippoker auf der Klassenfahrt, sehr amüsant, ein Abenteuer, frei von Gewalt aber durchaus angereichert mit postpubertärer sexueller Spannung. Auch dort entstanden Fotos. Leider oder zum Glück(?) gab es damals noch keine digitale Fotografie. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung wo die Bilder von einst sind. Ein Durchsuchung meines Elterhauses könnte aber derartiges Material ans Tageslicht bringen und meine Mom in den Knast?

Schöne neue Welt!

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