Nun wäre es sicherlich zu einfach, auf diesem Niveau zu polemisieren und Joseph Ratzinger rechtsextremistisch motivierten Antisemitismus zu unterstellen. Insoweit ist die Headline ein Reißer. Auch will ich nicht auf Williamson eingehen, der verdient es gar nicht, besprochen zu werden und Nazis sollte keine Plattform geboten werden.
Aber so ganz unangebracht ist eine Betrachtung dieses Vorgangs nicht. Nicht klassischer Rechtsextremismus, sondern ein per Definition aufdiktierter Antisemitismus, der seiner (Ratzingers) Kirche inhärent zu sein scheint, ist ausschlaggebend für diese Ansicht. Dabei sollte doch heutzutage längst auch Weltliches in das Unternehmen Katholische Kirche eingezogen sein.
Als Atheist muss ich Ratzingers Job als Papst als Beruf bezeichnen, seinen Namen Benedikt XVI. als Künstlernamen. Sich nun hier in diesem Zusammenhang über die Probleme der Religion mit der realen Welt auseinanderzusetzen, würde den Rahmen des Postings sprengen, daher mögen mir Gläubige meine stark verkürzte und vereinfachte Darstellung verzeihen.
Die Kirche hat sich in den vergangen Jahrhunderten als ganzheitlicher Wahrheitsspender etabliert. Die Kirche konnte Antworten auf alle Fragen des Lebens geben, konnte alles von der Hilfe bei den tiefsten privaten Emotionen bis hin zum Erklärung der komplexesten Zusammenhänge der Welt in Einklang bringen. Das hat sich bis ins Mittelalter auch bewährt, aber mit Aufkommen einer objektiven Wissenschaft ist die Kirche immer mehr in ein Dilemma geraten. Der Anspruch, die einzige Wahrheit auf alle Fragen zu haben, stand in eklatanten Wiederspruch zu den Erkenntnissen, die den Menschen durch Astro- und Elementarphysik, Biologie, Medizin und Chemie aber auch durch die aufgeklärte Philosophie erlangt hat. Ich bin nicht hier, um diesen Wissenschaften das Finden der Wahrheiten zuzusprechen, aber sie behaupten es auch nicht von sich.
Logische Konsequenz wäre meiner Meinung nach gewesen, die Kirche würde sich auf ihr „Kerngeschäft“ beschränken und sich um die „Seele“ der Schäfchen kümmern und die Erklärung der Welt außen vor lassen. Das hätte aber einen klaren Bruch mit den eigenen Ansprüchen zur Folge. Wer den Anspruch hat, unfehlbar zu sein, kann nicht von grundlegenden Lehrentscheidungen, Dogmen abrücken, nur weil diese offensichtlich Unsinn sind. So nennt man diese ehemaligen Wahrheiten Lehre und fordert den Glauben als Gegenpol zum Wissen ein.
Als solcher Schritt zurück in die Festigung des eigenen Unfehlbarkeitsanspruchs ist nun Ratzingers Entgegenkommen auf die ultrakonservativen Pius-Brüder des Erzbischofs Marcel Lefebvre zu sehen. Durch die Aufhebung der Exkommunikation von Tissier de Mallerais, Williamson, Fellay und de Gallareta verfolgt er aus vatikanischer Sicht ehrenwerte Ziele (Vergebung und Wiedererlangung der Einheit). Aber mit dem Wiederherstellen der Einigkeit der Katholiken geht er enormes Risiko ein, nämlich den Verlust der Glaubwürdigkeit seiner eigenen Person. Das mag im Innenverhältnis der Religionsgemeinschaft egal sein, da seine Rolle als Primat ihn quasi unantastbar macht, aber in der Außendarstellung mit der aufgeklärten Welt wirft das enorme Probleme auf. Würde er den linken Flügel seiner Religionsgemeinschaft doch mit derselben Toleranz behandeln wie den ultrarechten. Das kann er aber nicht, denn rechts bedeutet konservativ, bedeutet Erhalt, während links hier Erneuerung und Öffnung bedeutet.
Gift für Rom.
Nuff said.
