Blattkritik! Na ja, wenn es nichts zu kritisieren gibt, dann muss man eben loben, wenn’s sein muss auch die Bild. So oder so ähnlich muss es sich im Oberstübchen des designierten Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier wohl am Montag morgen abgespielt haben. Aber vielleicht war doch noch viel mehr Berechnung im Spiel.
Seit jeher ist bekannt, wer es in Deutschland zu etwas bringen will, sollte sich nicht mit den Mächtigen anlegen. Das bedeutet: Du willst hoch hinaus? Dann verscherze es dir nicht mit der Bild. Nun hat Steinmeier für das eher rechts einzuordnende Springer-Zugpferd eine wirklich ansehnlich positive Bilanz. Während sich etwa ein Joschka Fischer die Visa-Affäre von der Bild rechts und links um die Ohren hauen lassen musste, konnte Steinmeier dank Unterstützung des Zentralorgans der deutschen Oberflächlichkeit gestärkt aus seinen außenpolitischen Problemen hervorgehen. Kurnatz nicht rausgehauen? Der war doch selbst Schuld daran, in ein amerikanisches Foltergefängnis geraten zu sein, Steinmeier hat seinerzeit laut Bild nur versucht die Deutschen vor diesem Wahnsinnigen zu beschützen. OK vielleicht sollte ich hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, aber die Überlegung ist durchaus angebracht.
Zurück zur Blattkritik, die diesen Namen nicht verdient hat. Viel Lob für ehrlichen Enthüllungsjournalismus gabs für die Montagsausgabe. Wieviel Ehrlichkeit in den Enthüllungen der Bild in der Regel steckt, wissen Bildblog-Leser nur zu gut. Keiner kann mir erzählen, dass ein SPD-Spitzenpolitiker ohne Bauchschmerzen die Bild lobt, tut die doch eigentlich alles bis zur journalistischen Grenzwertigkeit, um die Roten schlecht da stehen zu lassen. Dass die Montagsausgabe eine eher harmlose war, mag daran liegen, dass das Experiment “Blattkritik” neu war und man nicht mit einem Disaster starten wollte. Aber ich glaube ehrlich, selbst Kai Diekmann hätte sich das “schlimmer” vorgestellt.
Also Herr Steinmeier, zeigen Sie doch mal, dass Sie nicht nur die Marionette sind, für die Sie viele seit gestern halten! Ein SPD-Macher sollte sich eine SPD-Meinung leisten können, auch wenn die nicht mit der Bild-Meinung Deckungsgleich ist. Oder haben Sie Angst, wie Frau Ypsilanti abgestraft zu werden?

Dass passiert, wenn Wahlkampf ist und selbst solchen Chance als PR-Termin genutzt werden und daher ungenutzt bleiben.
Schade!